Luther-Kirchengemeinde Soltau

Offene Kirche

Die Lutherkirche ist täglich von ca. 9 Uhr bis in den Abend hinein geöffnet. An einigen Sonntagen im Sommer, aber auch jederzeit auf Anfrage, bieten wir kostenlose Führungen an.

Baugeschichte

Um 1900 war Soltau ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt: Hier kreuzte sich die „Amerikalinie“ von Osteuropa über Berlin nach Bremerhaven mit der Nord-Süd-Verbindung von Hamburg über München in die Alpenländer. Mitten in der kargen Lüneburger Heide wurde Soltau damit zu einem wichtigen Gewerbestandort. Es gab eine große Poststation mit Hotel, und wer es sich leisten konnte, verlieh seinem gewöhnlich-rustikalen Fachwerkhaus durch eine individuell gestaltete Holzverschalung ein städtisches Aussehen. Zusätzlich zur Industrieansiedlung brachte eine Offizier-Reitschule viele neue Einwohner, so dass die geschlossene Bebauung sich immer weiter ausdehnte.

Damals entstand die Idee, eine zweite Kirche zu errichten, aber das Vorhaben war wegen der hohen Kosten sehr umstritten. Als 1906 die St.-Johannis-Kirche niederbrannte, nahm der Kirchenvorstand dies zum Anlass, sie verkleinert wieder aufzubauen und gleichzeitig eine zweite Kirche zu planen. Am 3. Advent 1911 wurde die Lutherkirche eingeweiht.

Die Entwürfe stammen von Eduard Wendebourg (1857 – 1940) aus Hannover, einem Schüler von Conrad Wilhelm Hase (1818 – 1902). Hase gilt als Begründer der Hannoverschen Bauschule, die einen streng historisierenden Baustil pflegte bis hin zur Wiederbelebung längst vergessener Materialen und Techniken. Viele neugotische Kirchen, aber auch neo-mittelalterliche Verwaltungsgebäude, Industrie- und Wohnanlagen sind „typisch Hannover“. Wendebourg hat Hases historisierenden Stil weiter entwickelt, teilweise aufgelöst und durch Jugendstil-, expressionistische und exotische Elemente bereichert. Die Lutherkirche in Soltau ist sein letztes großes Bauwerk. Nach dem 1. Weltkrieg bis kurz vor seinem Tod war Wendebourg bei der landeskirchlichen Baubehörde in Hannover tätig.

Die Umgebung der Lutherkirche war damals noch nicht bebaut, so dass die erhöhte Lage deutlich auffiel. Vielleicht hat dies den Architekten zu seiner Konzeption inspiriert: Jerusalem, die Stadt auf dem Berge, der Ort der Passion und Auferstehung Jesu, aber gleichzeitig das himmlische Jerusalem, Symbol der Vollendung und des ewigen Friedens. Von der Celler Straße aus kann man noch heute einen Eindruck von dieser "Stadt auf dem Berge" gewinnen.

Um den Vorwurf der Geldverschwendung zu entkräften, wollte der Kirchenvorstand kompromisshalber auf einen Turm verzichten, aber Soltauer Fabrikanten halfen sofort mit einer großzügigen Spende. Der Turm ist jedoch kein nachträglicher Anbau: Sein Platz an der Nordwestecke statt mitten über der Westfassade ist eine der Eigenarten, mit denen Wendebourg sich von der strengen Neugotik absetzt.

Der Kirchenraum

Das Gebäude erinnert auf den ersten Blick an eine gotische Kirche mit Längs- und Querschiff, Vierung und Apsis. Der Innenraum ist aber exakt quadratisch statt lang gestreckt, und es gibt keine Vierung, denn der evangelische Gottesdienst verträgt keine Distanz zwischen „Priester“ und „Laien“. Trotzdem ist der Raum eindeutig zum Altarraum und zur Kanzel hin ausgerichtet.

Die bunten Holzstützen und Balken laden dazu ein, den Blick schweifen zu lassen und sich an den vielen Kleinigkeiten zu erfreuen. Dass sie dennoch mehr konzentrieren als ablenken, liegt sicher an den immer wiederkehrenden Formen: Quadrat, Blume, Kordel, Welle, Lindenblatt…



Renovierung und Restaurierung

Ursprünglich waren nicht nur die Holzflächen, sondern auch die Decken und ein großer Teil der Wände kleinteilig und vielfarbig bemalt. Eine Renovierung 1958 hat leider in der damals üblichen Weise alle Holzflächen grau und den größten Teil der Wände weiß übertüncht. Um ohne allzu großen finanziellen Aufwand wieder Farbe in die Kirche zu bringen, erhielten Kanzelkorb und Altar später einen phantasievollen Anstrich in satten rustikalen Rot- und Grüntönen, der allerdings die Schnitzereien ebenso nivellierte wie vorher der graue.

Nachdem die Orgel defekt war, wurde 1977 eine neue, kleinere eingebaut. Ein entsprechend kleiner Prospekt wurde günstig aus Eschede übernommen und farblich an Kanzel und Altar angepasst. Diese Fassung wird jetzt beibehalten, denn Malerarbeiten am bereits eingebauten Prospekt würden unbezahlbare Schutzmaßnahmen für die Orgel erfordern.

Ab 1980 wurden die Backsteinumrandungen der Fenster und Türen wieder freigelegt und die Emporenbrüstungen von der grauen Farbe befreit. Nach Vorgaben des Restaurators Meyer-Graft (sen.) kolorierten freiwillige Helfer die Palmwedel an den Bankwangen. Gleichzeitig wurde eine einzelne Holzstütze fachmännisch restauriert – der einsame bunte „Indianerpfahl“ mitten im Grau, der daran erinnerte, wie die Kirche eigentlich gedacht war. Schließlich plante der Kirchenvorstand, bis zur 100-Jahr-Feier den Urzustand weitgehend wiederherzustellen.

In Zeiten sinkender Kirchensteuereinnahmen und steigender Personalkosten war es inzwischen nicht mehr denkbar, Restaurierungsmaßnahmen aus Haushaltsmitteln zu finanzieren. Die fünfstelligen Euro-Beträge zur fachmännischen Wiederherstellung all dessen, was die Lutherkirche als Kunstwerk und als Ort des Gebets so wertvoll macht, stammen ausschließlich aus Spenden. Die Arbeiten führte zwischen 2005 und 2008 die Werkstatt Wellmer aus Himbergen durch.

Nach langen Diskussionen wurde auf die Restaurierung der Bemalung im Altarraum und an den Gewölben ausdrücklich verzichtet, nicht nur aus finanziellen Gründen. Der weiße Anstrich entspricht den heutigen Bedürfnissen nach Helligkeit, sowohl praktisch als auch atmosphärisch. Eine Renovierung des weißen Anstrichs steht noch aus, vordringlich ist allerdings die Verbesserung der Beleuchtung im Altarraum und auf der Orgelempore.

Glänzende Leuchter

Radleuchter waren um 1900 sehr beliebt, nicht nur in Kirchen. Der Radleuchter in der Lutherkirche besteht aus Messing und hat seine Vorbilder im Mittelalter (Dom zu Hildesheim, Kaiserpfalz in Aachen, Comburg bei Schwäbisch Hall). Er symbolisiert das himmlische Jerusalem mit seinen zwölf Toren und erlaubt gleichzeitig die Assoziation zur Kaiserkrone. Dank zahlreicher Spenden konnten der Radleuchter und die vielen kleinen Leuchter nach und nach renoviert und staubabweisend versiegelt werden, so dass sie jetzt wieder durch ihren Glanz den Raum aufwerten. Alle tragen die gleichen Ornamente, die sich in verschiedenen Materialien und Farben überall in der Kirche wiederholen, u.a. die Welle und die quadratische Blüte. Zwecks stärkerer Beleuchtung und wohl auch aus Sicherheitsgründen erhielten die Leuchter aber schon sehr früh auch eine Stromversorgung und Glühlampen.

Evangelische Symbolik

Wendebourg legte, ganz im Sinne der Idee vom Gesamtkunstwerk, stets Wert auf die enge konzeptionelle Abstimmung mit allen beteiligten Gewerken und Künstlern. Die Auswahl der Symbole folgt überwiegend einer damals gängigen lutherischen Ikonografie:

o   Das Thema „Passion und Ewigkeit“ begleitet den Gang durch die Kirche. Von der Straße her führt der Weg „hinauf nach Jerusalem“ und durch die Tore in die „Stadt“, wo das Volk Jesus mit Palmzweigen den Weg zur Königsherrschaft bahnt. Aber der Weg Jesu führt über das letzte Abendmahl (Altarbild) zum Tod und gleichzeitig zur Auferstehung: Das Kreuz ist mit Gold und Lorbeer geschmückt, und es trägt das Christusmongramm (X-P = Chi-Rho). Der Blick zurück trifft auf den Leuchter, der das himmlische Jerusalem mit seinen zwölf Toren und damit das ewige Leben symbolisiert.

o   Das Thema „Jesus Christus“ oder „Kirchenjahr“ findet sich auf den Fenstern im Altarraum, die die Erzählungen zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten darstellen. Das Jesuskind, der Auferstandene und die Taube tragen den gleichen rot-goldenen Strahlenkranz, denn es ist immer der eine, einzige Gott, der uns in verschiedener Weise begegnet.

o   Das Thema „Hingabe an Gott“ oder „Opfer und Gottesdienst“ bestimmt die Auswahl der Altarfiguren: Abel, den sein Bruder aus Neid erschlägt, Melchisedech, der Abraham mit Brot und Wein bewirtet, Isaak, der auf dem Altar Gottes getötet werden soll, und Aaron, der Bruder des Mose und Priester für das Volk Israel. Diese vier Figuren aus dem Alten Testament findet man auf zahlreichen Altären in evangelischen Kirchen um 1900. Man bezog die jüdischen Geschichten unmittelbar auf Christus, häufig mit dem Hinweis darauf, dass erst die Christen verstanden hätten, was Gott den Juden schon immer hätte sagen wollen. Heute tendieren wir eher dazu, die alten Geschichten als das zu lesen, was sie sind: Geschichten vom Vertrauen auf den liebenden Gott und von der Verzweiflung an dem verborgenen Gott, Geschichten aus dem prallen Leben vieler Generationen.


100 Jahre Lutherkirche

Jede Generation steht vor der Herausforderung, das Baudenkmal „Lutherkirche“ zu erhalten und gleichzeitig den Raum zeitgemäß zu nutzen und weiterzuentwickeln. Zurzeit werden Spenden eingeworben, um die Beleuchtung zu verbessern und die Altarbehänge zu erneuern. Wer dazu beitragen kann und will, wird es tun. Für sich selber und für alle, die hier beten, Gottesdienst feiern, arbeiten, Kunstgeschichte studieren, Ruhe finden oder einfach „nur mal gucken“ wollen.

Kommen Sie – die Kirche ist offen!

Text: Gisela Steudter / Stand: Januar 2015 / V.i.S.d.P.: Carsten Gerdes, Habichtsweg 3, 29614 Soltau (Pfarramt II, Vorsitzender des Kirchenvorstandes)